Sonntag

Die erste „Gotteserkenntnis“ Hiobs

Hiob weiß, dass er nicht mit den unbußfertigen Sündern auf eine Stufe gestellt werden darf, weil er doch immer in der Abhängigkeit von Gott gelebt hat. „Gott weiß, welchen Weg ich wandle, prüft er mich – wie Gold gehe ich hervor…. Ich hielt fest an seinen Geboten und an den Reden seines Mundes“ (Hiob 23,10ff).

Ist das nicht überheblich? Er ist doch auch bloß ein Mensch, wie wir alle.

Die Freunde Hiobs jedenfalls hören auf, mit Hiob zu reden, weil sie denken, mit einem so selbstgerechten Menschen weiter zu reden, ist sinnlos.

Allerdings ist es ja so, dass das Buch Hiob dem Hiob recht gibt und nicht seinen Freunden. Gott selbst ist es, der über Hiob sagt: „Seinesgleichen ist keiner auf Erden, so fromm und rechtschaffen, so gottesfürchtig und dem Bösen feind“ (Hiob 1,8). Hiob kennt diese Aussage Gottes zwar nicht, aber wir kennen sie aus dem Prolog des Buches und deshalb können wir nicht sagen, Hiob sei größenwahnsinnig, denn seine Aussage stimmt mit dem Urteil Gottes überein. Wenn das aber so ist, dann stellt sich die Frage umso schärfer: „Wieso kommt dieses Maß an Leid über Hiob?“

Für Hiob gibt es nur eine Antwort: „Gottes Zorn wendet sich nicht nur gegen den Sünder; sondern auch gegen den Gerechten“.

Diese schreckliche Erkenntnis drückt Hiob so aus: „Sein Zorn zerreißt und befehdet mich; er knirscht mit den Zähnen über mir; er packt mich beim Nacken, er zerschmettert mich; er stellt mich als Zielscheibe für sich auf; seine Pfeile schwirren um mich her; erbarmungslos durchbohrt er meine Nieren und schüttet meine Galle auf die Erde; Bresche auf Bresche bricht Gott in mich hinein; er rennt wider mich wie ein Held!“ (Hiob 16,9ff).

Das ist ein echter, ein deutlicher Unterschied zwischen seinem frommen Satz am Anfang, der aus einem theoretischen Gottesbild kam und dem, was aus der Tiefe der Seele herausbricht als Antwort auf eine existentielle Erfahrung! Hiob erfährt Gott als einen Feind, der gegen ihn wütet. Für Hiob ergibt sich daraus eine neue und schreckliche Erkenntnis: „Gott wendet sich nicht nur gegen den Sünder, sondern auch gegen den Gerechten“.

Die zweite „Gotteserkenntnis“ Hiobs

Eine Begründung für diese Erfahrung, dass Gottes Zorn sich auch gegen den Gerechten richtet, findet Hiob nicht. Daraus gewinnt er eine zweite Erkenntnis:

„Gott kann tun und lassen, was er will. Er ist nicht an ein Heilsschema oder an eine Theologie gebunden“.

Zunächst ist das eine schlimme Aussage. Das sieht nach Willkür aus, und ein willkürlicher Gott wäre extrem bedrohlich. Aber Hiob erfährt und erlebt es so! „Rafft er hin – wer will’s ihm wehren, wer will zu ihm sagen: Was tust du da? Schuldlose vernichtet er wie Schuldige. Wenn seine Peitsche plötzlich tötet, dann lacht er über die Verzweiflung der Unschuldigen!“ (Hiob 9,12 + 22f)

Hiob macht seinem Herzen Luft. Das sind Worte aus der Tiefe des Herzens. Das ist kein bloßes Lippenbekenntnis. Aber: Darf man denn so höhnisch von Gott reden?

Die Freunde Hiobs jedenfalls sind entsetzt. Aber so redet der fromme Hiob, weil er genauso seinen Gott erfährt. Auch in den Psalmen finden sich solche Herzensergüsse, in denen alles, was das Herz bewegt, vor Gott ausgesprochen wird.

Das ist erlittene Theologie, im Gegensatz zu theoretischen Lehrsätzen. Auch in vielen von uns gibt es in der Tiefe des Herzens Auflehnung gegen Gott. Vielleicht ist irgendwann irgendein Herzenswunsch nicht in Erfüllung gegangen, irgendetwas anders gelaufen, als wir es gerne gehabt hätten, Gott hat Dir einen lieben Menschen weggenommen, oder, oder, oder… Aber wir wagen es nicht, das herauszuschreien, was in der Tiefe des Herzens vor sich hin brodelt. Stattdessen wenden wir uns mit frommen Sprüchen und mit der vermeintlich richtigen Theologie an Gott.

Damit aber wird unser Christsein so unendlich langweilig, und auch gefährlich. Oft geschieht es dann: Wenn Menschen es nicht wagen, ihren Unmut vor Gott auszusprechen und sie stattdessen wohlformulierte, wohltemperierte Sätze beten, dann werden sie umso schärfer gegen andere Menschen. Den Mülleimer, den sie eigentlich vor Gott ausschütten sollten, schütten sie dann anderen Menschen ins Gesicht.

Deshalb, um unserer selbst willen und um unserer Mitmenschen willen, sollen und können wir Gott all das sagen, was wir wirklich fühlen. Und wir können gespannt darauf warten, was dann geschieht.

Hiob jedenfalls begegnet einem Gott, der in kein theologisches Schema passt. Er begegnet dem Gott, der durch den Propheten Jesaja sagt: „Ich bin der Ewige und keiner sonst. Ich bilde das Licht und ich schaffe das Unheil. Ich bin der Ewige, der dieses alles tut“ (Jes. 45,7). Gott ist keiner, der, wie wir so oft, die Verantwortung auf andere schiebt.

 Die dritte „Gotteserkenntnis“ Hiobs

„Gott ist trotz allem mein einziger Gesprächspartner. Er ist trotz allem der Einzige, der mich versteht“.

Hiob merkt: „Meine Freunde können sich nicht in meine Situation versetzen. Der Einzige, der weiß, was ich jetzt leide, das ist Gott. Weil er sich mit mir einlässt, weiß er, was er mir zufügt und was ich leide“.

Aus dieser Erkenntnis heraus will Hiob mit Gott reden. Er hat das brennende Verlangen, mit Gott selber ins Gespräch zu kommen. Er schüttet nicht nur sein Herz vor Gott aus, sondern er will die Antwort Gottes hören. „Ich weiß, im Himmel lebt mein Zeuge“ sagt Hiob (Hiob 16,19). Diesen Zeugen, d.h. Gott selber, ruft er an, weil er weiß, dass Gott der Einzige ist, der ihn versteht.

In Hiob 19,25 findet die Sehnsucht Hiobs nach Gott einen ergreifenden Höhepunkt:

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben“.

Deshalb: Wenn wir uns nicht an Gott wenden mit all unserem Unmut, mit all unserem Schmerz, mit all unseren wirklichen Gefühlen, dann bleiben wir letztlich damit allein – das ist Hölle.

Wenn wir uns an Gott wenden, wie Hiob – dann nimmt er uns ernst und versteht uns.

 „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben“. Selbst wenn meine Haut an mir zerschlagen ist, mein Fleisch geschwunden, werde ich Gott schauen”. Hiob vertraut darauf, dass Gott ihn hört, ja mehr noch: ihn erhört. Er vertraut auf die Wiederherstellung des früheren Zustands.

Dieses Vertrauen wird belohnt werden.

Doch vorher hat Hiob noch einiges an Diskussionen und Gesprächen durchzustehen. Denn er WIRD mit Gott persönlich sprechen, genauso, wie er es sich gewünscht hat.

Darüber spreche ich im nächsten „Langen Wochenende“. Sei gespannt, was Gott Hiob sagen wird.

Bis dahin sind wir getröstet mit Hiobs Wissen und Weisheit:

Ach, hätte ich doch einen, der mich anhört! Hier ist meine Unterschrift:

Der Allmächtige wird mir antworten. Er wird auch für die Anklageschrift meines Gegners eine Antwort haben.

Deine Querdenker-Christen