Erste These: Jeder Mensch ist ein Sünder
Die Erkenntnis, dass alle Menschen Sünder sind, kennen wir auch aus anderen biblischen Büchern. z.B. heißt es in Psalm 14,4: „Alle sind entartet, alle sind verdorben, da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“. Paulus zitiert diesen Psalmvers im Römerbrief (Röm. 3.10ff) und sagt dann: Es ist kein Unterschied unter den Menschen, alle haben gesündigt und allen fehlt der Lichtglanz Gottes“ (Röm. 3,23). Die Freunde Hiobs liegen also mit ihrer Theologie ganz auf der Linie der heiligen Schrift selbst.
Zweite These: Gott straft den Sünder
Auch hier sind die Freunde Hiobs in Übereinstimmung mit der Bibel. Paulus z.B. schreibt, dass das Gericht Gottes über alle ergeht, die Böses tun und dass alle Sünder verurteilt werden (Röm. 2,2 und 12).
Dritte These: Gott erbarmt sich über den bußfertigen Sünder
Auch das ist eine Wahrheit, die sich in der Bibel findet. Z.B. bei Jesaja lesen wir: „Der Gottlose lasse von seinem Weg und bekehre sich zu Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung“ (Jes. 55,7).
Die Theologie der Freunde Hiobs stimmt also anscheinend, und ihre Seelsorge besteht darin, dass sie Hiob dieses Heilsschema vor Augen führen und ihn dann auffordern. „Wende dich Gott zu, tue Buße, dann wird Gott sich über dich erbarmen“.
Sie wollen ihn davon überzeugen wollen, dass er etwas Schlechtes getan haben muss, weil Gott ihn so straft. Oder er hat Gott gelästert. Oder er hat etwas Wichtiges eben gerade nicht gemacht. Oder … oder … oder …
Doch jedesmal sagt Hiob: Ihr seid im Unrecht. Ich habe nichts, aber auch gar nichts Schlimmes getan, oder Gutes vergessen zu tun. Nichts! Gott ist einfach nur … nicht zu finden für mich … in diesen Zeiten … nicht zu verstehen …
Man hat den Eindruck, dass Hiob die Argumente seiner Freunde mit einer einzigen Handbewegung vom Tisch fegt. Hiob kennt diese Theologie sehr gut. Es war seine eigene. Bevor ihn das Leid getroffen hat, hätte er ganz genauso argumentiert. Er sagt „Ich würde genauso reden, wie ihr, wenn ihr an meiner Stelle säßet“ (Hiob 16,4).
Das Urteil Hiobs über seine Seelsorger ist vernichtend. „Ihr könnt euch nicht in meine Situation versetzen, sondern ihr redet wie Theoretiker, die von der Sache nichts verstehen. Ihr habt meine Situation überhaupt nicht erfasst und deshalb ist euer Reden unsinniges Geschwätz.“ Er sagt, „Pfuschärzte seid ihr“ (Hiob 13,4).
Sie haben nicht die Erfahrung mit Gott gemacht, die Hiob gemacht hat und deshalb verstehen sie ihn nicht. Deshalb funktioniert auch ihre Seelsorge nicht, obwohl das Heilsschema, das sie Hiob vor Augen halten, richtig ist und von vielen bis heute vertreten wird.
Es ist der sogenannte Tun-Ergehen-Zusammenhang: So, wie ich mich verhalte, genauso kommt es zu mir zurück.
Modern gesprochen – in der Psychologie und in Coaching-Kreisen – sagt man, das ist das Gesetz der Resonanz, der Anziehung. Das, was ich denke, was ich rede, was ich tue, strahlt mit einer gewissen Frequenz von mir aus und verbreitet sich. Diese Schwingungen finden gleiche Frequenzen und kommen zu mir zurück. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt der Volksmund.
Hiob hat ebenso eine andere, neue, unmittelbare Gotteserfahrung gemacht, für die einer, der nicht davon betroffen ist, kein Verständnis haben kann. Gott ist Hiob in einer unheimlichen Gestalt ganz persönlich begegnet und dadurch wurde sein früheres Gottesbild in seinen Grundfesten erschüttert.
Aus dieser unheimlichen Erfahrung heraus gewinnt Hiob eine dreifache Gotteserkenntnis.
… Fortsetzung folgt