Hiob 38:
Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt / mit Gerede ohne Einsicht?
Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: / Ich will dich fragen, du belehre mich!
Wo warst du, als ich die Erde gegründet? / Sag es denn, wenn du Bescheid weißt!
Hiob verzweifelt fast noch mehr. Endlose Minuten hört er die rhetorischen Fragen Gottes, die allesamt seine Allmacht aufzeigen: „Ich, der große und allmächtige Gott – und du, der kleine und ohnmächtige Hiob. DU willst mit mir reden? DU willst mit mir rechten? DU wagst dich … DU ohne Einsicht, ohne Ratschluss – belehre mich doch!
DU willst eine Antwort von mir? DU … wo warst denn du schon, als ich die Erde gegründet habe? Los, sag es mir, wenn DU doch so gut Bescheid weißt.“
Rumms – fällt mir dazu nur ein. Das sind Holzhammerargumente von Seiten Gottes.
Ich erinnere noch einmal daran, dass das Hiobbuch KEIN Geschichtsbuch ist, kein historisches Buch, sondern ein Geschichtenbuch aus der Weisheitsliteratur der Bibel.
Hier geht es um prinzipielle Fragen, um Theorie und Theologie. Es geht darum aufzuschreiben und argumentativ zusammenzubinden, was man von und über Gott zu einem bestimmten Thema weiß. Hier im Hiobbuch ist es die Theodizeefrage: die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids und Leidens auf der Welt.
Deshalb ist es auch möglich, dass der Schreiber des Hiobbuches so eine Antwort Gottes konzipieren konnte. Sie zeigt die Größe Gottes und die Kleinheit der Menschen auf.
Oftmals in der Geschichte der Kirche, und ich denke, das ganze Mittelalter hindurch teilweise bis heute (also etwa 16 Jahrhunderte lang) sind die Christen so von ihren Kirchenoberen behandelt worden: DU klein und minderwertig – Gott groß und allmächtig. Also halte deine Klappe und füge dich.
Und ich bin mir sicher, dass auch das Judentum diese Art von schwarzer Theologie kennt; denn sonst wäre diese „Gottesantwort“ nie so aufgeschrieben worden. – Hat Gott tatsächlich dem Hiob so geantwortet? Nein: Hiob ist eine fiktive Person (die stellvertretend für alle Leidenden dieser Welt und aller Zeiten steht). Hier spricht eine bestimmte Art von Theologie und Dogmatik.
Schauen wir weiter ins Hiobbuch hinein: Wie reagiert Hiob auf Gottes überhebliche und aufgeblasene Rede?
Seine Antwort an Gott fällt verständlicherweise sehr kurz und nüchtern aus:
Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal habe ich geredet, doch ich werde nicht antworten; / ein zweites Mal, doch ich fahre nicht fort!
Hiob resigniert: Okay, ich bin klein und dumm – du, Gott, bist groß und kannst und weißt alles. Das muss ich wohl akzeptieren. Ich halte jetzt meine Klappe.
Und, als hätte Gott nur darauf gewartet, dass Hiob endlich mal still ist und aufhört, auf sein Recht zu pochen (obwohl er tatsächlich im Recht ist), und endlich mal versucht, seinen Blick von sich selber wegzulenken (oder weglenken zu lassen) und alles loszulassen – alles einfach nur loslassen – gelassen werden, gelassen sein – Gott machen lassen – sich fallen lassen – in Gottes unendlich liebenden Hände – Gott machen lassen …
… dann, ja dann endlich kann Gott so zu Hiob sprechen, dass er endlich in der Lage ist zu verstehen.
Endlich – eine Antwort, um zu verstehen … aufzustehen … aufrecht vor Gott und der Welt zu stehen … auferstehen … aus der Dunkelheit, dem finsteren Loch, in dem man gehockt hat … und sich seine Wunden kratzt …
… endlich hin zum Licht … denn Gott spricht:
… Fortsetzung folgt