Samstag

Das Bild von der Himmelsleiter hat für mich persönlich eine ganz große und besondere Bedeutung. Und das aus zweierlei Gründen.

 Zum einen hat mich diese „Himmelsleiter“ schon als Kind beeindruckt. Meine Klassenlehrerin damals in der Volksschule, die auch Religion unterrichtet hat, muss diese Geschichte sehr bildhaft erzählt haben:

  • ein Traum, eine Leiter direkt zum Himmel, der Nachthimmel mit seinen Sternen, das Ende der Leiter ist irgendwo dort im Sternenhimmel … die Engel Gottes, leise, schwebend, kommen ganz nahe, gehen wieder zu Gott, kommen wieder auf die Erde
  • das eigene Herz schlägt, wache oder träume ich?, Gottes Gegenwart ganz nah, Wärme, Liebe, Gnade, Güte, Vergebung, Vertrauen … ich bin nicht allein.

 

Wohl dem, der einzig schauet
nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet,
der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen,
den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen
bleibt ewig ungetrübt.

 Das ist die zweite Strophe des Liedes „Du meine Seele, singe“, das wir damals zur Geschichte im Religionsunterricht auswendig gelernt haben. Ich kenne das Lied bis heute auswendig. Und diese Strophe, obwohl dort keine Himmelsleiter vorkommt, erweckt in mir bis heute immer diesen Nachttraum zur Lebendigkeit.

 Der zweite Grund, warum dieses Bild eine so große Bedeutung für mich hat, ist, dass mein Vater sich – solange ich mich zurückerinnern kann – seinen Grabstein in Form der Himmelsleiter gewünscht hat.

Nun ist mein Vater gestorben. Er wurde fast 94 Jahre alt.

 Jetzt ist es an uns, ihm diesen Grabsteinwunsch zu erfüllen. Sein Enkel, unser Sohn, ist gelernter Steinbildhauer. Er wird uns mithelfen, diesen Wunsch meines Vaters, seines Großvaters, zu erfüllen.

 Eine Leiter, eine Treppe zum Himmel, ein Tor zum Himmel. Mein Vater hat in den letzten 14 Tagen seines Lebens immer wieder gesagt: „Ich bete, dass der Herrgott mich in seine Arme nimmt.“ Und so friedlich, wie er dann letztendlich eingeschlafen ist, mit gefalteten Händen und einem glücklichen Gesicht dort im Bett lag, hat er sicher das Himmelstor und die ausgebreiteten Arme Gottes gesehen – und konnte dann gehen. Das ist unser ganzer Trost in all unserer tiefen Trauer.

 Oben auf der Treppe stand der HERR und sagte zu ihm: »Ich bin der HERR, der Gott Abrahams und Isaaks.

… und der Gott meines Vaters.

 Oben auf der Treppe stand der HERR und sagte zu Jakob: »Ich bin der HERR, der Gott Abrahams und Isaaks.

Das Land, auf dem du liegst, werde ich dir und deinen Nachkommen geben! Sie werden unzählbar sein wie der Staub auf der Erde, sich in diesem Land ausbreiten und alle Gebiete bevölkern. Und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde am Segen teilhaben. 

 Jakob kannte diese Worte. Sein Vater Isaak und sein Großvater Abraham werden sie ihm immer wieder erzählt haben. Gottes Wort tradieren, den Kindern, Enkeln und Urenkeln immer wieder weiterzuerzählen, das war damals üblich. Denn es gab ja keine Ablenkungen, sondern mit dem Sonnenuntergang begann die Zeit am Lagerfeuer und die Zeit des Erzählens, des Lachens und Weinens, und des Singens.

 Jakob kannte die Worte der dreifachen Verheißung Gottes, mit denen Gott seinen Bund mit Abraham und allen seinen Nachkommen geschlossen hat:

  • das Land, auf dem du liegst bzw. dich gerade befindest, gebe ich dir und deinen Nachkommen
  • diese Nachkommen werden so zahlreich, so unzählbar sein, wie der Staub auf der Erde, der Sand am Meer, die Sterne am Himmelszelt
  • und ich, Gott, werde dich segnen, und du sollst ein Segen sein (Genesis 12 + 15)

 Was für eine Gnade: Der Betrüger Jakob ist durch Gottes direktes Wort Erbe der Verheißung an Abraham und Isaak geworden! Das ist ein starkes Stück! Der kleine Lügner und Gauner wird zum Träger aller göttlichen Verheißungen.

Und Gott ist noch nicht am Ende, sondern spricht weiter:

 „Du wirst sehen: Ich stehe dir bei! Ich behüte dich, wo du auch hingehst, und bringe dich heil wieder in dieses Land zurück. Niemals lasse ich dich im Stich; ich stehe zu meinem Versprechen, das ich dir gegeben habe.« 

 Gott sagt zu, zu seinem Versprechen zu stehen, das er gegeben hat. Gottes Wort ist unwandelbar.

Aber stimmt das tatsächlich so? Finden wir nicht auch Gegenteiliges in der Bibel?

 Eindrückliches Beispiel ist die Geschichte von Jona und der Vernichtung Ninives.

Alle Einwohner Ninives, inklusive dem gesamten Königshaus, sind ungläubig, sündigen, halten Gottes Gebote nicht, beten nicht – ja, ihnen ist Gott einfach völlig egal. Jona wird von Gott nach Ninive geschickt und soll den Untergang der Stadt ankündigen. Dann setzt er sich auf eine Anhöhe außerhalb der Stadt und wartet auf das Spektakel, das Gott dort veranstalten wird.

Doch er wartet vergeblich; denn der König geht in sich, tut Buße, und ordnet sie auch für alle Stadtbewohner an. Und sie meinen es ernst, beten zu Gott um Verschonung. Und das Unglaubliche geschieht: Gott ändert sein Vorhaben und verschont die Stadt. Jona ist natürlich total sauer, bekommt er doch kein Schreckensschauspiel zu sehen. Wie Gott dieses Problem löst, ist eine andere Geschichte.

 Gott ändert auch seine Pläne. Doch wenn ich so in die Geschichten der Bibel hineindenke, dann sind es nur die negativen, die bestrafenden Pläne, die Gott ändert – sofern sich die Menschen ändern. Ändern die Menschen ihr Verhalten in Worten, Werken und Gedanken, dann ändert Gott seinen negativen Plan zum Guten.

Umgekehrt geht es auch: Wenn über Israels Könige eine gute Verheißung Gottes stand, und sie verachteten Gottes Wort, dann änderte Gott auch seinen positiven Plan.

 Doch ich denke, was für uns wichtig ist, das ist die Zusage Gottes, uns niemals im Stich zu lassen, so wie er damals auch Jakob nicht im Stich gelassen hat.

Gott steht zu seinen Versprechen, die er uns gegeben hat. Sofern wir zu unseren Versprechen stehen und uns nicht auf die dunkle Seite der Macht begeben.

 Jakob erwachte. Erschrocken blickte er um sich. »Tatsächlich – der HERR wohnt hier, und ich habe es nicht gewusst!«, rief er. »Wie furchterregend ist dieser Ort! Hier ist die Wohnstätte Gottes und das Tor zum Himmel!« 

 Dass man von einem solchen Traum, der so real ist und so emotional wirkt, erschrocken aufwacht, das kann ich gut nachvollziehen. Jakob blickte sich um, und ihm wurde klar, wo er war, was ihn an diesen einsamen Ort gebracht hat, und wo er hinwollte.

 Seine ersten Worte gehen mir sehr nah: „Tatsächlich – der Herr wohnt hier, und ich habe es nicht gewusst!“

 Woher sollte er es auch wissen?

 

… Fortsetzung folgt