Gedanken zur Jahreslosung 2026
„Siehe, ich mache alles neu“. Dieser Spruch aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel und zugleich dem einzigen prophetischen Buch des NT, soll uns Christen als Losung das gesamte Jahr 2026 über begleiten und leiten.
ALLES wird neu gemacht???
Mir fällt als erstes ein: „Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei.“ Das Lied beschreibt die Schönheit der neu erwachenden Natur und endet mit den Worten: „Widerschein der Schöpfung blüht / uns erneuend im Gemüt.“
Ja, die alten Volkslieder, die ich als Kind und Jugendliche im Erler Kinderchor oft und gerne gesungen habe – und dann als Erwachsene oftmals nur belächeln konnte – diese Volkslieder tragen fast alle einen tiefen inneren Glauben an Gott in sich, der sich oft zeigt an der Beschreibung der Wunder Gottes in der Schöpfung oder in der Liebe.
Ihnen wohnt noch eine gewisse Reinheit inne, die ich heute in der Form kaum noch finde.
Also: Alles neu – nur im Mai?
Gott sei Dank nicht nur dann. Denn in diesem Jahr wird uns quasi jeden Tag mit der Jahreslosung gesagt, dass alles neu wird – tagtäglich.
Alles neu – ja, bitte, endlich! Aus dem alten Jahr schleppen wir nämlich noch allerhand Ungutes mit: Kriegsgerassel, Umweltsünden, Denkverbote, steigende Preise, Kommerzialisierung, Schuldenberge, stetig fallendes Bildungsniveau, Verhöhnung unseres christlichen Glaubens, Schändung von Kirchen … ich höre jetzt mal auf.
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!
Gott – bitte mache es sofort!
Das, mit Verlaub, ist extrem naiv gedacht und gesagt.
Und wir können uns fragen: Wie könnte es denn realistisch aussehen, dass Gott alles neu macht?
Da denke ich als erstes daran, dass wir ja von Gott unseren Verstand geschenkt bekommen haben. Der eine mehr, der andere weniger, ganz individuell. Trotzdem: Verstand zeichnet uns Menschen aus.
Aber wo setzen wir dann am besten an? 10 Menschen, 200 Ideen, und eine ist schlechter als die andere. Also: Wo setzen wir am besten an?
Vielleicht mit einer Idee die schon mehrere Tausend Jahre alt ist, sie stand schon in den Gesetzestexten des AT. Jesus hat sie dann noch einmal neu in den Vordergrund gestellt und uns als „höchstes Gebot“ ans Herz gelegt:
„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“, das Doppelgebot der Liebe. Das ist es eigentlich auch ohne den wichtigen Einleitungssatz: doppelte Liebe – zum Nächsten – und zu sich selbst.
Doch die Basis fehlt; Jesus sagte: „Du sollst Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen lieben – und deinen Nächsten, wie dich selbst.“
Damit hat Jesus zu seiner Zeit den Glauben und alle religiösen Rituale vom Kopf auf die Füße gestellt, auf die Basis. Die Liebe ist bei allem Tun die größte Tugend.
Das bedeutet: Es geht in erster Linie um uns – unsere Einstellung, unser Tun, unser Denken und Verhalten. Überall da, wo wir etwas besser machen, als das letzte Mal, da wird etwas neu. Ganz in Gottes Sinne. So werden wir zu Werkzeugen Gottes. So hat es Gott gewollt.
Denken wir an die Anfänge zurück: Gott schuf Himmel und Erde, Meere und Kontinente, Pflanzen, Tiere und Menschen. Arbeit und Ruhetag, und die Zeit. Und siehe: Es war alles sehr gut. So war es von Beginn an angelegt.
Und wer konnte sich nicht an die kleinsten Regeln halten? Richtig: der Mensch. Es wird Zeit, dass wir uns wieder in die Schöpfungsordnung einfügen.
Ein Gebet aus dem 14. Jh., aufgegriffen dann und wieder bekannt gemacht von der kath. Theologin Dorothee Sölle, lautet so:
Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.
JEIN, möchte ich klar und deutlich dazu sagen. Denn das ist alles nur einseitig gedacht. Denn es beschneidet Gott und seinen Sohn in seiner Allmacht. Sind wir auf dieser Erde von Gott verdammt worden, alles immer nur selber machen zu müssen? Er wusste doch von Anfang an, was und wen er da geschaffen hat: dass wir nur endliche und unperfekte Wesen sind, keine Engel, dass wir ständig Fehler machen und aus ihnen noch nicht einmal lernen. Das wusste Gott von Anfang an.
Deshalb greifen die Worte aus dem 14. Jh., die im Prinzip ganz die modernen Allmachtsphantasien der Menschen vorwegnehmen, einfach zu kurz.
Gott hat Hände, Füße, Lippen, Hilfe – und noch viel mehr, als wir ihm in unserer Kleinheit zuschreiben können. Wer sind wir in unserem Hochmut, ihn in seiner Allmacht zu beschneiden?
Entschuldigen Sie, liebe Teresa von Avila, dass ich Ihnen deutlich widerspreche!
Gottes Größe und Wirkmacht können wir glücklicherweise nicht tatsächlich beschneiden.
Ich möchte noch einmal auf die biblische Lesung für den heutigen Sonntag eingehen:
Jesus war 12 Jahre alt, als er das erste Mal mit zur Feier des Pessachfestes nach Jerusalem durfte. Er erkannte, dass er aus den menschlichen Ordnungen ausbrechen musste, um seinem Vater-Gott näher zu kommen. „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich in dem Haus meines Vaters sein muss?“ fragte er seine Eltern, die ihn völlig verzweifelt drei Tage lang in der Metropole Jerusalem gesucht hatten.
Hier wird zum ersten Mal in der Bibel erzählt, dass Jesus als Kind diese enge Verbindung zu seinem himmlischen Vater sucht und lebt. In dieser Geschichte verbinden sich Himmel und Erde.
Genau um diese Verbindung zwischen Himmel und Erde geht es. Auch bei unserer Jahreslosung.
Es ist zwar gut, wenn wir immer wieder Christi Hände, Füße, Lippen und Hilfe sind. Sicher, da ist nichts gegen einzuwenden. Doch – wie gesagt – das genügt nicht, wenn wir Gottes Wort und Willen verstehen wollen.
Die Verbindung zwischen Himmel und Erde zeigt sich darin, dass tatsächlich Gott sagt, er mache alles neu. Nicht wir. Gott macht es. Wir helfen nur dabei.
Denn genauso, wie im Anfang der Schöpfung alles sehr gut war, so wird am Ende der Zeit und der Welt wieder alles gut sein. Gott macht am Ende aller Tage alles neu. Der Zusammenhang der Jahreslosung im 5. Kap. der Offb. hört sich so an:
1 Dann sah ich (der Seher Johannes) einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da.
2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.
3 Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben.
4 Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.«
5 Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch, ich mache alles neu!« Und mich forderte er auf: »Schreib auf, was ich dir sage, alles ist zuverlässig und wahr.«
Jetzt noch leben wir in der Vorläufigkeit, in der Sünde und Schuld, in Krankheit und Schmerz, und auch in schönen, wunderbaren und liebevollen Situationen.
Aber dermaleinst wird Gott alles vollenden. Dann nämlich, so wir uns verheißen, wird er alle Tränen abwischen, es wird keinen Tod und Leid, keine Klage und Schmerzen mehr geben. Das wird Gottes Tat sein.
So leben wir in der Spannung zwischen schon-jetzt und noch-nicht. Schon jetzt erahnen wir etwas von den paradiesischen Zuständen (alles neu macht der Mai), ja, wir können sogar daran mitwirken, sie zu verwirklichen. Aber noch nicht leben wir in der Vollendung. Das ist der Wiederkunft Jesu, der Zeit des sog. Eschatons vorbehalten.
So ruft uns die Jahreslosung an jedem Tag des Jahres zu, dass wir an der Vollendung der paradiesischen Zustände mitarbeiten mögen. Wir wissen: es gibt Gerechtigkeit für alle, für unsre Treue ewigen Lohn.
Gott ist der Ursprung unseres Lebens und unser Ziel in Ewigkeit.