G1

Heimgekehrt

Ich bin zurückgekehrt an den Ort meiner Kindheit und blicke mich um. Da steht mein Elternhaus. Dunkelrote Ziegel leuchten mir freundlich entgegen. Die Fenster sind neu. Aber sonst sieht es aus wie damals.

Vielleicht hat die Zeit alles angehalten. Nur für mich.

Der Holunderstrauch vor dem Haus ist verblüht. Im Garten durften Rosen. Eine Vielfalt an Farben haben die Wildblumen. Jede einzelne Blüte ist wie ein mir zugewandtes Antlitz. Der Apfelbaum mit seinen reifen Früchten steht regungslos im Sonnenschein. Wie oft durfte ich an heißen Sommertagen in seinem Schatten ruhen! Unter seinen Zweigen machte ich Bekanntschaft mit immer neuen Büchern. Mein Lesehunger wollte nie enden. Die Liebe zur Literatur nahm hier ihren Anfang.

Das Haus liegt frei. Etwas abseits vom Stadtkern auf einer Anhöhe. Mein Blick schweift in Tal. Auf der rechten Seite befindet sich ein kleines Wäldchen. Ein Bach schlängelt sich durch eine Wiese. Ich höre Glockengeläut einer nahen Kirche. Das macht diesen Platz fast feierlich. Ein Vogel zwitschert mit geschwellter Brust sein Lied.

In diesem Augenblick begreife ich das Wort „Heimat“. Es sind dieselben Wurzeln, wie bei meinem Apfelbaum. Ich spüre seinen Herzschlag. In ihm finde ich mich wieder. Tief atme ich die frische Luft, die auf einmal süß schmeckt. HEIMGEKEHRT!

Nun weiß ich auch, warum ich in der Fremde mein erstes Gedicht schieb, das ich Sehnsucht nannte.

© Elga Lappöhn