17.11.2020

17.11. 

Diesmal ging es zu einem gläsernen Lift, der Liebermann recht ätherisch schien. Drinnen war es ziemlich eng, so dass sie nur stehen konnten. Der Doktor war froh, als es endlich losging. „Wir fahren mit hoher Geschwindigkeit, Frieder. Unser Ziel dürfte schnell erreicht sein.“

„Wir sind schon da, Doktor!“ Liebermann schaute verstohlen auf seine Armbanduhr. Sie hatten wirklich nicht lange gebraucht.

„Bloß nicht aussteigen, Doktor! Ich warne Sie! Dieser Teil darf nicht betreten werden.“  „Warum sind wir dann überhaupt hier?“ „Riskieren Sie mal einen Blick hinaus, es lohnt sich!“

Die Glasfront, die zuvor opak war, hatte nach Frieders Worten die Sicht freigegeben. Liebermann glaubte zu träumen! Vor ihm lag ein zauberisches Lichtermeer, das jede Vorstellungskraft übertraf.

Der Doktor war fassungslos. „Das ist fantastisch, Frieder.“

„Jedes Licht ein Leben, Doktor.“ „Aber warum brennen sie so unterschiedlich? Viele zeigen nur ein ausgesprochen dünnes Flämmchen. Fehlt da nicht was? Andere sind zur Hälfte heruntergebrannt. Und etliche Kerzen strahlen überhaupt nicht mehr.“

„Die Flämmchen“, erläuterte Frieder, „sind Zugänge. Sie künden von einer Ankunft und werden weiter wachsen. Hören Sie ihre hellen Klänge? Das sind die synchron zur Lichtquelle laufenden Lebensuhren. Die Kerzen, die schon zur Hälfte heruntergebrannt sind, zeigen die Zeit der Lebensmitte. Ihre Klangkörper tönen tief und voll. Diejenigen, die nicht mehr brennen, haben sich mit einem Mollakkord ausgeblendet. Das passiert immer, wenn ein Leben vorüber ist. Nun, Doktor, urteilen Sie selbst. Kann man hier einfach dazwischen funken? Da Eine anzünden, dort Eine auslöschen? Nur unser Wächter des Lichts ist dazu befugt. Er allein darf die Kerzen, die erloschen sind, durch Neue ersetzen. …

Fortsetzung am 18.11.