1. 11. 2020

 1.11.

Tief inhalierte Dr. Liebermann den Rauch seiner Zigarette und filterte ihn durch die Nasenflügel. „Auch eine?“, fragte er den Kollegen, mit dem er für eine kleine Pause vor die Tür gegangen war. Der verzog angewidert das Gesicht. „Sie wissen, welches Risiko damit verbunden ist?“

Natürlich wusste er es. Schließlich war er Lungenfacharzt. Kannte die Röntgenbilder seiner Patienten, die leider nur zu oft seine Diagnose bestätigten. Sie mit der Wahrheit vertraut zu machen, war nicht immer einfach. Die Verzweiflung in ihren Gesichtern und dann die Frage: „Wie lange noch Herr Doktor?“, machte ihn jedes Mal fertig. Allerdings legte er sich in der Zeit nie fest.

Spontanheilungen hatte es auch in seiner Klinik gegeben. Doch er seufzte: „Nur zu selten.“

Der Doktor nahm einen weiteren Zug und blickte nach oben in einen blauen Himmel. „Ein wunderschöner Tag. Doch meine Stimmung passt nicht dazu.“ War er nicht Mediziner geworden um zu heilen? Doch immer öfter musste er feststellen, dass er an Grenzen stieß. „Was wissen wir denn schon?“, fragte er sich. „Meinem Sohn konnte keiner helfen. Er war erst zehn Jahre, als er starb. So sieht die Praxis aus. Das Leben verliert, und der Tod gewinnt in den meisten Fällen.“

Noch im Monat zuvor hatte er ihm ordentlich ins Handwerk gepfuscht. Viele seiner Patienten waren gestorben. Bei einigen von ihnen war er sich sogar ziemlich sicher gewesen, dass sie wieder genesen würden. „Dieser Kerl wird einfach immer unverschämter.“ Liebermann schüttelte ärgerlich seinen Kopf. „Meine Patienten sollen leben. Deshalb muss ich ihn fragen, warum er auf einmal diese Aktivität zeigt. Er soll sich auf ein normales Maß beschränken. Ich werde versuchen, ihn über das Internet zu erreichen und ihn bitten, auf ein klärendes Gespräch bei mir vorbei zu schauen. Ob er darauf reagiert, ist abzuwarten.“ Er wusste, zu seinem Vorhaben gehörte Mut, und für den Erfolg gab es keine Garantie. „Was würden seine Kollegen, das Klinikpersonal sagen, wenn sich die Folgen seines Schachzugs zeigten? Und auch der Tod war ein Spiel mit dem Feuer. Hatte es das schon einmal gegeben, dass man ihn aus freien Stücken kommen ließ?“ Er bezweifelte das. Doch er war bereit, genau das zu tun. Die Sache brannte unter seinen Nägeln und duldete keinen Aufschub.

Also setzte er sich umgehend an seinen Computer und schrieb eine E-Mail an den Tod.

(Fortsetzung am 2.11.)